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14.04.2012 15:38

Leichlinger Energiemarkt 2012

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Sonntag, 29. April 2012
Uhrzeit: 11:00 - 17:00 Uhr
Foyer des Gymnasiums Leichlingen
Am Hammer 2

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Zentralkartei Handwerksbetriebe für die Denkmalpflege -Eingetragener Betrieb-

Haus: Mittelalter – Wohnkomfort: 21. Jahrhundert
von Bernd Froehlich

Das wahrscheinlich älteste noch erhaltene Fachwerkhaus im
Rheinisch-Bergischen Kreis wurde in die Jetzt-Zeit gerettet.

Das Jahr 1500 gilt gemeinhin als das Ende des Mittelalters und Beginn der Neuzeit. Nun ist die Neuzeit aber nicht plötzlich in der Sylvesternacht 1499 über die Menschen gekommen; der Wandel war ein längerer Prozess und die einzelnen Historiker-Gruppen setzen auch verschiedene Daten und Ereignisse für den Beginn des neuen Zeitalters an: beispielsweise die „Erfindung“ des Buchdrucks um 1450 durch Gutenberg, die Entdeckung Amerikas 1492 durch Kolumbus oder der Beginn der Reformation 1517. Wenn heute ein Haus mit den Mitteln der Dendrochronologie auf um 1517 datiert werden kann, so steckt darin auf jeden Fall zumindest noch ein kleines Stück Mittelalter.
In dem Ortsteil Hülstrung der Gemeinde Leichlingen im Bergischen Land haben nur zwei denkmalgeschützte Häuser den üblichen Kahlschlag der letzten Jahrzehnte überlebt (s. a. Kasten „Spurensuche“). Eines der beiden Häuser stammt aus dem Jahr 1757. Das zweite wurde lange Zeit in das frühe 19. Jahrhundert datiert – ein kapitaler Fehler, wie sich später heraus stellte.
Dr. Frank Tschentscher und seine Frau Petra Bärschneider waren noch gar nicht richtig auf der Suche nach einem alten Haus, als sie 2002 durch einen Freund auf das zweite, zum Verkauf stehende Haus in Hülstrung aufmerksam gemacht wurden. Frank Tschentscher: „Es war uns klar, dass – falls es je im Rahmen unserer finanziellen Möglichkeiten sein würde – nur der Erwerb eines Fachwerkhauses infrage käme. Es sollte ein Haus mit Geschichte sein.“

Das Haus war nach einer Teilung um 1800 herum eine Art Doppelhaus und befand sich in einem eher abschreckenden Zustand. Ein Teil des Hauses war damals auch noch vermietet. Bei einer Besichtigung erkannten Frank Tschentscher und Petra Bärschneider zwar das Potential des Hauses, wollten jedoch nichts überstürzen und vereinbarten mit dem Verkäufer eine längere Bedenkzeit.
Diese Bedenkzeit wurde vielfältig und vorbildlich genutzt: Die Geschichte des Hauses wurde erforscht und die Möglichkeiten einer denkmalgerechten Restaurierung wurden in enger Zusammenarbeit mit der örtlichen Denkmalpflege und dem Rheinischen Amt für Denkmalpflege ausgelotet. Dazu gehörten auch eine Vielzahl von Gesprächen mit Personen, die eine derartige Restaurierung bereits erfolgreich bewältigt hatten und mit Handwerkern und Architekten.
Dr. Stürmer vom Rheinischen Amt für Denkmalpflege in der Abtei Brauweiler konnte auch noch eine kleine Sensation beisteuern: Das Haus stammte nicht, wie immer angenommen, aus dem frühen 19. Jahrhundert, sondern war bedeutend älter. Im Kern ist das Gebäude bereits um 1517 errichtet worden und wurde dann 1745 erweitert. Es ist damit wahrscheinlich das älteste noch erhaltene Fachwerkhaus im Rheinisch-Bergischen Kreis.
Bei einer früheren Begehung erkannte er, dass der Gesamteindruck des Fachwerkgefüges nicht mit dem Eintrag „Anfang 19. Jhdt.“ in der Denkmalliste übereinstimmen konnte und gab bereits 1999 eine dendrochronologische Untersuchung in Auftrag, die die kleine Sensation brachte.

Auch wenn mit der notwendigen Phantasie die grundsätzlichen Möglichkeiten des Bauwerks erkannt wurden, waren derartige Gespräche doch dringend notwendig, denn erst einmal war von dem für das zukünftige Domizil „gewünschten Fachwerk“ von außen kaum etwas zu sehen. Das Haus war mit Holz und Blech verschiedener Epochen und Stil-Richtungen verkleidet und entzog sich erst einmal den genauer prüfenden Blicken.
Auch das Innere des Hauses wirkte nicht sehr ermutigend: Diverse Lagen Tapeten und Fußbodenbeläge und Spanplatten versperrten zunächst den Blick auf die Substanz. Die vermietete andere Haushälfte konnte anfänglich nicht besichtigt werden und entpuppte sich später verschimmelte, stinkende „Müllhalde“.
Die Fußböden waren löchrig und notdürftige Reparaturen mit Zement waren der Substanz auch nicht gerade förderlich. Allerdings waren bis auf eine Haustür sämtliche alten Türen vorhanden, einige sehr alte Eichendielen und schöne alte Treppen. Als dann mit Ilsetraut Popke aus Köln eine denkmalerprobte Architektin gefunden wurde, konnte es endlich losgehen. 2003 wurde das Haus gekauft – und die Arbeit konnte beginnen.

Bestandsaufnahme und Rückbau
2004 begann die Restaurierung: Grundlage für alle weiteren Arbeiten waren eine Bestandsaufnahme und ein Gutachten, die in enger Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege erstellt wurden. Die Rekonstruktion sollte so nah wie möglich an das Original heran kommen.
Dazu mussten auch Umbauten und Bausünden der Vorbesitzer wieder rückgängig gemacht werden, um ein relativ genaues Bild des ursprünglichen Aussehens des Gebäudes zu erhalten. Alle Details wurden dabei in Pläne eingezeichnet und berücksichtigt.
Bei der Bestandsaufnahme wurde klar, dass die historische Bausubstanz noch fast vollständig erhalten war – allerdings gab es auch einige Veränderungen.
Die vorherigen Eigentümer hatten beispielsweise Originalbalken abgesägt, um Platz für größere Fenster zu schaffen und der Zugang zum Keller war zugemauert.
Die Umbauten hatten auch statische Veränderungen am Fachwerk verursacht – deshalb sollte das ursprüngliche Fachwerkgefüge wieder hergestellt werden; u. a. wurden dadurch die Fenster wieder kleiner.

Die Bauphase
Die Restaurierung wurde sehr behutsam mit bewährten Materialien vorgenommen, i.d.R. Eichenholz und Lehmziegel. Intaktes, wie z. B. diverse Ausfachungen mit Staken und Flechtwerk, wurde weitgehend erhalten.
Auch im Inneren konnte sehr viel erhalten werden: die stabilen Treppen und alten Türen, alte Steinplatten auf den Fußböden des Erdgeschosses, die Eichendielen im Obergeschoss. Beschläge, Schlösser und geschmiedete Eisennägel wurden, soweit möglich, wieder verwendet, Fehlendes bei einschlägigen Händlern hinzugekauft. Frank Tschentscher
absolvierte auch einen Schmiedekurs, um kleinere Schmiedearbeiten, wie z. B. Griffe für Bodenklappen, selbst herstellen zu können.
Von der Architektin wurden ausschließlich in der Restaurierung alter Fachwerkhäuser erfahrene Handwerker eingesetzt. Das Äußere des Hauses wurde völlig neu gestaltet: An den Wetterseiten – im Norden und Westen wurde eine Lärchenholz-Verkleidung angebracht; die beiden anderen Seiten über dem freigelegten Bruchsteinsockel wurden verputzt und gestrichen. Die Gefache erhielten einen weißen Anstrich, das Holz wurde schwarz gestrichen.
Neben den Arbeiten der Fachfirmen wurden aber noch erhebliche Eigenleistungen erbracht. Sämtliche Steinarbeiten, alle Malererarbeiten, inkl. des „Entlackens“ von Türen und Treppen, das Ölen der Böden u. Ä., wurden selbst ausgeführt. Hinzu kamen die Arbeiten im Außenbereich: die alten Pflasterungen wurden erst einmal aufgenommen und dann an anderer Stelle verlegt.
Auch notwendige Entschuttungsarbeiten und Bodenaushübe wurden selbständig durchgeführt. Insgesamt wurde ca. ein Dutzend großer Container gefüllt. Beim Bodenaushub wurde von den Eigentümern auch die gesamte Erde eigenhändig durchgesiebt, um ggf. noch Fundstücke bergen zu können – und das Haus hielt einige Überraschungen bereit. Im Keller wurden Scherben gefunden, die zum Teil noch älter sind als das Haus. Eine besonders alte Scherbe wurde von einem sehr erfahrenen Archäologen als „Frühsteinzeug“ des 13.– 14. Jahrhunderts erkannt. Eine zweite sehr alte, wahrscheinlich Teil eines kleinen Krugs, wurde auf ca. 1450 datiert. Aufgrund des Alters der Funde ist davon auszugehen, dass der Kernbau von 1517 an dieser Stelle einen Vorgängerbau hatte.
Weitere Funde waren jede Mengen Scherben von vielen verschiedenen Gefäßen aus dem 18. Jahrhundert, eine kleine Tonpfeife und eine Münze von 1843.
Insgesamt summierte sich die Eigenleistung während der Bauphase auf ca. 1.800 Stunden.
Über 200 Jahre war das Gebäude zweigeteilt, beide Haushälften wurden aber jetzt wieder zur gemeinsamen Nutzung zusammen geführt. Sowohl der ursprüngliche Kernbau aus dem Mittelalter als auch der Anbau aus dem 18. Jahrhundert sind jeweils mit einem Gewölbe unterkellert, jedoch nicht miteinander verbunden.
Auf der Westseite steht unmittelbar neben dem Wohnhaus eine 13 x 5 m große Fachwerkscheune.
Nachdem das Haus fertig renoviert war, wurde sie ebenfalls mit viel Eigenleistung restauriert. „Ehre wem Ehre gebührt“, so Frank Tschentscher: „Bei der Scheune hatten wir glücklicherweise Hilfe von Bernd Kibies, einem sehr erfahrenen Techniker der Baudenkmalpflege, der beim Haus auch schon teilweise unsere Architektin vertreten hatte. Er hat das hervorragend gemacht. Bei der Scheune hat er ganz allein das Aufmaß und das Schadensbild erstellt und somit die Grundlage für die tollen Arbeiten von Herrn Stöcker (Lehmbau und Zimmermannsarbeiten) gelegt.“
Direkt neben der Haustür wurde auch noch ein 10 m tiefer Natursteinbrunnen entdeckt, der mit Beton versiegelt und nicht sichtbar war. Zusammen mit einem Maurer wurde er in Eigenleistung wieder aufgemauert. Brunnen bergen häufig archäologische Schätze: Deshalb ist auch noch eine Brunnen-Ausgrabung mit einem Archäologen geplant – aber nach den Anstrengungen der Renovierung ist das noch ein bißchen Zukunftsmusik.

Komfort in alten Wänden
Ein Haus aus dem Mittelalter und moderner Wohnkomfort müssen keineswegs ein Widerspruch sein. Angefangen beim Heizungskonzept, das voll auf Strahlungswärme setzt: In allen Außenwänden befindet sich heute eine von außen nicht sichtbare Wandheizung – je nach Bedarf kann auch zusätzlich ein neu eingebauter Grundofen genutzt werden. Durch den Verzicht auf Heizkörper wird die Anmutung des alten Hauses nicht gestört.
Die reizvolle Kombination aus Alt und Neu setzt sich auch in Küche und Bad fort.

Die Auszeichnungen
Nach anderthalb Jahren Bedenkzeit und Vorplanungen und ca. zwei Jahren Bauzeit konnte das Haus 2005 bezogen werden. Bereits 2006 folgte die erste Anerkennung für diese Restaurierung. Das Rheinische Amt für Denkmalpflege verlieh dem Ehepaar eine Ehrenurkunde im Rahmen des Rheinischen Denkmlpreises. 2009 ging es weiter: Petra Bärschneider und Dr. Frank Tschentscher erhielten mit ihren Handwerkern den Ersten Preis beim Bundespreis für Handwerk in der Denkmalpflege in NRW, den die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) gemeinsam mit dem Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) jedes Jahr in zwei Bundesländern ausschreibt. Die Ehrung in
Düsseldorf nahmen der damalige NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, ZDH-Präsident Otto Kentzler und der damalige Vorstandsvorsitzende der DSD, Professor Dr. Dr. Gottfried Kiesow, vor.
Als Handwerker waren beteiligt:
Bauen mit Lehm: Ralf Stöcker, 42799 Leichlingen-Witzhelden;
Tischler: Manfred Hasbach GmbH, 51789 Lindlar;
Schmied: Michael Bauer-Brandes, 42659 Solingen;
Ofenbauer: Matthias Seyl, 57632 Seelbach; Sanitär und
Heizung: Bernd Kauermann, 51399 Burscheid.

Aus der Laudatio:
Petra Bärschneider und Dr. Frank Tschentscher haben in einer vorbildlichen Gemeinschaftsleistung von Handwerkern, Architektin und Denkmalpflege ein schon fast verlorenes landschaftstypisches Ensemble vor dem Untergang gerettet. Auf Vermittlung des Fachamtes haben sie sich auf ein Denkmal eingelassen, dem sie sich mit der für ein solches Objekt notwendigen Planungs- und Konzeptionsphase genähert haben. Der respektvolle Umgang mit der Substanz des Hauses, das unaufdringliche Anpassen der eigenen Nutzungsvorstellungen an die Möglichkeiten der historischen Haus- und Raumdisposition gehen einher mit hoher handwerklicher Qualität in der Umsetzung. Auch die Verbindung einer zeitgemäßen energetischen Lösung mit historischen Techniken und denkmalgerechten Materialien haben die Jury überzeugt.

Der Rückblick
„Wir hätten uns nie an dieses Projekt heran getraut, wenn nicht drei Dinge gewesen wären: die lange Bedenkzeit, der Denkmalpfleger, der uns von Anfang an zur Seite stand und unsere Architektin“, erinnert sich Dr. Frank Tschentscher und gibt noch einen Tipp für Gleichgesinnte: „Erstens lange überlegen und Informationen einholen. Zweitens ein Gutachten machen lassen, auch wenn man das Haus nachher nicht kauft. Und drittens einen Architekten suchen, der viel Erfahrung mit Denkmalschutz hat und bei dem man das Gefühl hat, in guten Händen zu sein“.
Zum Tag des offenen Denkmals im September war das Haus in den letzten Jahren immer geöffnet und das Interesse war doch überdurchschnittlich – der Spitzenwert lag bei 350 Besuchern.

Siehe: (Hofanlage bei Leichlingen - Fachwerkhaus)

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